Wenn…. dann

von | 10.03.2020

Zum ersten Mal sind wir in der Regel mit dieser Formulierung in der Kindheit in Berührung gekommen. Es war  – und ist leider auch heute noch – ein probates Mittel der Erziehung und gleichzeitig ein Ausdruck von Hilflosigkeit: „Wenn Du jetzt nicht stillsitzt, gibt es keinen Nachtisch“ oder „Hör auf der Puppe an den Haaren zu ziehen, sonst ist sie gleich weg“ und die Steigerung dessen „Sei endlich still, du machst mich ganz krank mit deinem Geplapper“.

„Wenn… dann“ bedeutet in der Kindheit also sowohl ein Macht- als auch ein Kompetenzgefälle, verbunden mit einem Gefühl des Minderwerts. Immer hat es damit zu tun, dass im hier und jetzt etwas nicht geht, weil es durch jemanden/etwas unterbunden wird oder weil die eigene Kompetenz noch nicht als ausreichend gilt.

„Wenn Du größer bist, kannst Du das auch“ oder „Wenn Du erstmal den Abschluss gemacht hast, dann…“

Wir bekommen als Kind signalisiert, dass ein anderer, eine höhere Instanz, darüber entscheidet, was die „richtige Reaktion“ auf etwas ist, das andere besser wissen, was für uns gut ist und was wir können bzw. was nicht.
Und weil Kinder schnell lernen, haben sie dieses System sehr tief in sich abgespeichert.

Wir lernen also quasi über ein Belohnungs-/Bestrafungsystem uns gesellschafts-konform zu verhalten und haben als Kind selten die Möglichkeit eine freiwillige Kooperationsbereitschaft innerhalb unserer Gemeinschaft zu entwickeln, die eigentlich unserer Natur entspricht. Ein System aus Belohnung und Bestrafung vermindern dieses instinktive Bedürfnis nach Kooperation.

Das Prinzip der Kindheit zieht sich durch unser Leben wie ein roter Faden, wir bekommen in der Schule gute oder schlechte Noten je nach Verhalten und abrufbarer Leistung. Im Job gibt es eine Abmahnung, wenn es nicht klappt oder einen Bonus, wenn es gut läuft. Selbst im Supermarkt und beim Bäcker bekommen wir Bonus-Punkte, wenn wir immer wieder dort einkaufen und können uns so am Ende ein Geschenk aussuchen.

Erstaunlich ist, dass wir selbst mit uns, auch als Erwachsene, weiterhin – meistens unbewusst – nach diesem Prinzip agieren.

Wenn ich einen anderen Partner hätte, eine andere Wohnung, einen anderen Job…Wenn ich erstmal dies erledigt habe oder hier wegkönnte, wenn ich schlank wäre oder reich, mehr Zeit hätte, eine/n Partner/in hätte, wenn meine Nase kleiner und die Brust größer wäre usw. usw.

Da zeigt sich in uns ein Impuls und für einen Mini-Moment ist das „Brausepulver-Gefühl“ der Freude wahrnehmbar und dann kommt der erzieherische Verstand „Ne, ne, ne, so geht das nicht, mach mal erst …. und dann…“.
Mit der Zeit nehmen wir diese Impulse unserer inneren Weisheit gar nicht mehr wahr und sind mit uns selbst sofort in der „wenn-dann“-Argumentation.

Wir setzten uns also über die Instanz unserer inneren Weisheit mit unserem Verstand und dem anerzogenen Muster hinweg und führen damit die Erfahrungen aus der Kindheit heute noch fort, nur das wir jetzt sozusagen gegen uns selbst argumentieren.

Wie damals ist es auch heute noch für unsere Seele und unser inneres Kind ein Hinweis darauf, dass wir noch immer nicht gut genug sind so wie wir sind. Es impliziert, dass erst im Außen etwas passieren oder erledigt sein muss, bevor sich etwas verändern kann. Da der Mechanismus kein Ende hat, setzt sich „Wenn… dann“ fort bis zum Ende unseres Lebens, wenn wir uns diesen nicht bewusst machen und in uns auflösen.

Wir selbst sind die höchste Instanz für uns und unsere innere Weisheit weiß ganz genau, was, wann und wie richtig für uns ist. Wenn wir bewusst aus diesem anerzogenen System aussteigen, bedeutet das nicht, dass sich alles um uns herum verändert, wir unseren Job etc. verlieren. Vielmehr bedeutet es, dass wir frei werden von Angst vor Bewertung und Veränderung, dass wir uns vertrauen und nicht weiter der Konditionierung aus Kindertagen folgen.

Letztlich ist diese wie die Karotte vor der Nase des Esels, denn „wenn… dann“ wird nie in sich selbst aufgelöst und zieht immer ein weiteres „wenn… dann“ nach sich.

Ich lade Dich ein, Dich in den kommenden Tagen zu beobachten.
Kommt da dieser kleine, feine Moment, in dem sich in Dir etwas zeigt, wie ein zarter Hauch. Ein Gefühl, dass etwas anders sein könnte, ein Wunsch, eine Idee, für einen Mini-Moment begleitet von Freude, Aufregung und Brausepulver im Bauch. Wie lange dauert es dann, bis die Keule der Vernunft kommt: „wenn … dann geht das vielleicht“…. und der Brausepulver-Moment ist vorüber?

Es sind nicht nur die großen Träume und Wünsche, die sich über Impulse zeigen, es sind die kleinen, täglichen Impulse, die uns sagen möchten, was uns jetzt guttun würde. Einen Spaziergang zu machen oder statt eines Films zu schauen, lieber ein Buch zu lesen, ein Erdbeereis im Winter zu genießen oder einfach einen Moment inne zu halten bei einer Tasse Kaffee oder Tee.

Vielleicht magst Du sogar diese Windhauch-Impulse, denen Du im Laufe eines Tages nicht gefolgt bist, eine Weile abends aufschreiben. Schau mal welches Gefühl in dir entsteht, wenn Du Dir die Liste nach zwei oder drei Wochen durchliest.

Für mich war es ein Moment des Bedauerns, der Traurigkeit und der Bewusstwerdung, dass ich nicht für mich gesorgt habe. Nicht zuletzt, weil ich meiner inneren Kompetenz nicht vertraut habe und stattdessen in dem alten Muster verhaftet war.

Mein Verstand hat sich über den Impuls gelegt und Gedanken dazu produziert wie „das passt jetzt nicht, das ist unvernünftig, dafür habe ich jetzt keine Zeit, ich muss das erst fertig machen – … wenn… dann…“.

Versteh mich nicht falsch, natürlich dürfen Impulse zu großen Veränderungen reifen und wachsen, überlegt und geplant werden. In dem Moment wo der Impuls kommt, ist es jedoch ein Pfad, der angelegt werden will. Es ist in diesem Moment meine Entscheidung dem Impuls entweder die Tür vor der Nase zuzuschlagen oder sie einfach geöffnet zu lassen, so dass der Impuls sich immer klarer und deutlicher zeigen kann. Ich öffne mich in dem Moment für eine Möglichkeit und vertraue darauf, dass sich daraus entwickelt was sich entwickeln soll.

Kinder sagen oft: „wenn ich groß bin, dann…“, denn wir wollten vieles, was wir nicht durften, und haben dann gehört „wenn Du groß genug bist“. Hier liegt ganz sicher der Ursprung, denn dort haben wir gelernt, dass wir unseren Wünschen nicht vertrauen können und sie auf später schieben müssen und heute tun wir das noch immer.

Wir schieben auf später, auf das Wochenende, den Urlaub, die Rente, das nächste Leben. Doch unser Leben findet ausschließlich jetzt und hier statt.

Träume und Impulse sind die Sprache unserer Seele, sollten wir nicht ihr folgen vor allen anderen Stimmen? Ist sie nicht die Instanz, die am besten weiß, was für uns richtig ist und auch zu welchem Zeitpunkt es das ist?

Ich habe mich entschieden das mehr und mehr zu tun. Letztlich darf ich mit mir leben und das möchte ich glücklich tun, das ist definitiv nicht immer so gewesen. Oft gab es einen Impuls, dem ich nicht gefolgt bin und im Rückblick erkennen durfte, dass der Weg dadurch deutlich schwerer und auch leidvoller war, als es vielleicht anders gewesen wäre.

Denn ja, Impulse warnen uns auch, machen uns ein ungutes Gefühl im Bauch, einen Moment der Ablehnung, das Gefühl von Nein oder einer Antipathie und auch hier setzt der Verstand sich schnell darüber und wirkt dann neben dem „wenn… dann…“ auch noch über ein „um… zu…“ – beides tut uns nicht gut.

 

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